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Montag, 9. Juli 2012, 10:53

[Verdacht] 7.7.2012 südwestlich von Gießen (Lahnaue) (viele Bilder)

Hallo Gemeinde,

Man möge es einem verzeihen, wenn diese Analyse noch nicht ganz so perfekt herüberkomme, es ist meine Erste :huh: .

Am Samstagvormittag den 7.7.2012 gegen 11:30Uhr sahen diverse Augenzeugen aus dem Landkreis eine "Tichterwolke" (Funnelcloud) am Himmel stehen, südwestlich von Gießen. Sie hatte sich im Bereich einer Multizelle gebildet, die weiteren Verlauf eine Rotation zeigte.

Hier zunächst einmal die Radarbilder der entsprechenden Zeit

Quelle: Wetterpool


als Animation


Quelle: Niederschlagsradar


als Animation



Sven und ich machten uns am späten Nachmittag auf Spuren suchen, nachdem wir diverse Meldungen über einen möglichen Tornado bei Gießen vernommen hatten. Wir verglichen eingehende Bilder und befragten Anwohner. In Lahnau, westlich des Geschehens, bekamen wir Hinweise, das südwestlich von Gießen, vermutlich in den Lahnauen ein Bodenkontakt möglich gewesen sein konnte. Wir machten uns auf um die Stelle zu suchen. Zwischen dem Lahntaldreieck (B49 und B429), Heuchelheim und Gießen-Lahnstraße / Magaretenhütte (bis Höhe Rodheimerstraße) wurden wir dann fündig.


Legende der Übersichtskarte:

Mittelblau: unsere abgefahrene Route
Orange: die Richtung in der wir die meisten Schäden finden Konnten (vermeintliche Zugbahn des Tornados innerhalb dieser Markierung)

1.) Schäden in Maisfeldern
2.) Schäden an Äste und Zweige (abgeknickte Weide).
3.) Schäden Uferhängen der Lahn
4.) Laub und kleinere Äste Straßen.
5.) Abgerissener größer Ast
6.) umgerissene Baustellenabsperrungen
7.) Niedergedrücktes Getreidefeld

Bilder zu den einzelnen Stationen sind unter der Übersicht und können bei Bedarf auch gerne noch einmal einzeln in Originalgröße über unserem Flickr-Kanal angesehen werden.

Wegstrecke der Spuren ca. 2-3km in nordöstliche bis nordnordöstliche Richtung, Breite zwischen 50m und max. 150m



Bilder zu 1: Maisfeldern

Von außen war nur wenig Schaden erkennbar aber nur wenige Schritte in sie hinein, zeigt sich die Verwüstung. Die Pflanzen wurden entgegen der Zugrichtung niedergedrückt, zum Teil zeigten sie innerhalb der Felder auch in verschiedene Richtungen

Blickrichtung Osten






umgeknickte Maispflanzen zeigen in verschiedene Richtungen.


hier habe ich die Fallrichtung mal eingezeichnet


Blickrichtung Osten. So sieht es im inneren der Felder aus, während sehr viele Pflanzen um lagen, waren auch noch einige dazwischen die standen.


Hier das ganze mit eingezeichneter Zellenzugrichtung und Fallrichtung der Maispflanzen


Blickrichtung Westen.


Blick nach Süden, in die Richtung aus die der mögliche Tornado gekommen war.


mit eingezeichneter Fallrichtung.


In der Großaufnahme erkennt man, dass es ein kleinräumiges Windereignis für die Zerstörung verantwortlich gewesen sein muss. Denn am Rand waren die Pflanzen unbeschädigt


Auf der Straße zwischen der B429 und dem Maisfeld konnte man kleine Äste finden.



Bilder zu 2 Abgebrochene Äste / umgeknickte kleine Weiden

Südliches Lahnufer, sah man eine abgeknickte kleine Weide


nicht weit daneben ein weiter umgebogenes Weidenbäumchen


Am nördliches Lahnufer konnten wir abgebrochene Äste (Todholz) und Frischholz auf den Weg und den Wiesen finden




Auf einem Acker (auf der Übersichtskarte mit der mittleren 2 markiert) fanden wir mittelgroße Äste, die erst wenige Stunden zuvor abgebrochen wurden. (Sven da neben als Größenvergleich)


hier in Nahaufnahme. Ist innen noch ganz feucht und grün


immer mehr Astbruch fanden wir hier in diesem Bereich






Wieder musste Sven als Größenvergleich antreten


Die abgebrochenen Äste stammten überwiegend von dieser Baumgruppe. Man kann erkennen, dass die Kronen etwas zerpflückt aussehen (Pfeile).



Bilder zu 3 Schäden am Lahnufer:

Am Südufer der Lahn, zwischen zwei Weiden, gegen die Zugrichtung umgedrückter Pflanzenwuchs


so auch am Nordufer der Lahn zu finden


Bei der kleinen Brücke (rote Doppelstreifen zwischen der rechten und mittleren 2) wieder umgelegte Vegetation entgegen der Zugrichtung.




Auch auf dem Nordufer der Lahn musste eine junge Weisen dran glauben, dazwischen immer wieder niedergedrückte Pflanzen


Im Bereich der B429 Brücke über die Lahn, war auf dem Südufer niedergedrückten Pflanzen erkennbar, die in Zugrichtung umgeknickt waren, welche auf dem Nordufer hingegen lagen entgegengesetzt


hier das Südufer


Bilder zu 4 Blattwerk und Äste im Bereich der Lahnstraße / Schlachthofstraße

In der Lahnstraße selber haben wir leider keine Bilder gemacht.

Auf einem befestigten Feldweg direkt an der Lahn (Höhe Hauptbahnhof) nähe zu den Schrebergärten in der Schlachthofstraße, konnte man verfrachtete Maispflanzn samt Wurzelballen finden. Entfernung zu den Feldern rund 50m.


Von selbiger Straße aus, konnte man entlang des anderen Lahnufers immer wieder Bäume sehen, an denen Äste frisch abgebrochen waren, wie dieser hier


Ergänzend hier zu ist noch zu sagen, dass neben den kleineren Ästen und Blattwerk in der Lahnstraße (Richtung der Rodheimerstraße mehr) auch eine große (weiße) Plastikplane halb von einem Gebäude und Baum/Busch herunter hing (Bereich Müllumladestation).


Bilder zu 5.

Diesen abgebrochener Ast haben wir dann in der Schlachthofstraße etwa Höhe des Gastank der SWG gefunden. Auch hier war die Bruchstelle erst wenige Stunden alt



Bilder zu 6. umgeworfene Baustellenabsperrung

Entlang des kleinen Kanals, der in die Lahn mündet, lag dann diese Baustellenabsperrung um. An Hand der Abdrücke kann man erkennen, dass diese zuvor hier noch aufrecht gestanden hatte (2. Bild).




Auch im dahinter liegenden Maisfeld waren umgeknickte Pflanzen zu sehen


Bilder zu 7. Niedergedrücktes Getreidefeld

Im Hintergrund konnte man geringe Schäden durch Niederschlag zu erkennen, im Vordergrund wiesen die Ähren aber Wind Schäden auf. Die Ähren zeigten hier in südöstliche und nordöstliche Richtung



Unsere vorsichtige Analyse der gemachten Beobachtungen:

Anhand dem Datenblatt von Skywarn "Angepasste Fujita-Torro Skala für Vegetations- und Gebäudeschäden" und unseren gemachten Beobachtungen und Einschätzungen wie, abgebrochene gesunde Ästen, die Spuren in den Feldern, würden wir einen möglichen Tornado mit der Stärke T0/F0 bis T1/F0 bewerten. Diese Stärke erscheint uns nach unseren gemachten Beobachtungen für realistisch.

In einem sehr eng begrenzten Bereich kann es auch möglichen gewesen sein, dass der Tornado kurzzeitig auch die Stärke T2/F1 erreicht haben könnte.

Begründung:
Wir selber haben zwar keine Schäden an Häusern oder Gartenlauben finden können, da es nun schon recht dunkel geworden war. Entweder wurden vorhandene Schäden bereits wieder beseitigt, schließlich war das Windereignis bereits einige Stunden her oder es gab in dem Bereich wo wir waren keine. Im Internet gibt es jedoch einige Bilder von anderen Usern aus Gießen, die Schäden an verankerten Werbetafeln und Zäunen zeigen. Daher käme eben nach unserer Einschätzung hier auch kurzzeitig ein T2/F1 in Frage.

Wir hoffen, dass unsere zusammen gestellten Bilder und Aussagen hilfreich sein werden um klären zu können ob es sich bei den Schäden um die von einem Tornado sind, oder ein anderes Witterungsbeständiges Ereignis dafür verantwortlich ist.

MfG

Sven und Marcus


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2

Montag, 9. Juli 2012, 17:15

Hallo,
das ist eine sehr umfangreiche und gründliche Schadensanalyse.
Ich bin gespannt, was die Experten zu dem Vorfall meinen.

LG André
Dieser Beitrag ist unter widrigsten Umständen und mit Hilfe einer Taschenlampe in das offene Ende eines Glasfaserkabels gemorst worden...

3

Montag, 9. Juli 2012, 17:25

Noch meine kleine Meinung dazu :P

Der Tornadoverdacht wird dadurch erhärtet dass wir von einigen Augenzeugen gesagt gekriegt haben in welche Richtung wir müssen, und auch wenn man sich die Bilder aus Richtung Gießen anguckt kommt man etwa auf diese Stelle. Zudem haben mehrere Augenzeugen von einem Trichter zwischen Heuchelheim und Gießen berichtet (Zitat: "Eine Handbreit weg von Gießen").

Schäden durch fließendes Wasser an dem Maisfeld sind nahezu auszuschließen da es sich um eine Ebene handelt.

Ein Windereignis hat in diesem Bereich definitiv stattgefunden. Das auffällige ist das die Bilder des Tornadoverdachtes aus Richtung Gießen sich ziemlich genau mit der Schadensspur decken, ich habe leider kaum Zeit im Moment, vielleicht kann Marcus sie einfach nochmal anhängen ?

Wir gehen wegen Augenzeugenberichten, Fotos und Schadensspur von einem T0 bis T1 aus. Wegen den Schadensspuren im Feld halte ich ein gradliniges Windereignis für eher unwahrscheinlich, möchte aber trotzdem eine Burst nicht völlig ausschließen. Außerdem ist diese Zelle erst bei Gießen entstanden und zu dem Zeitpunkt war nirgendwo sonst in Mittelhessen eine Gewitterzelle unterwegs. Was noch dazu kommt ist dass diese Zelle auf einem speziellen Radar ganz knapp vor Gießen (also dort wir gesucht haben) Auffälligkeiten aufweist (darf ja aus bekannten Gründen nciht mehr dazu sagen).

Die Zelle hat also um 11.20 (zum Zeitpunkt der Sichtung) laut Radar nur ganz knapp südwestlich von Gießen gestanden, hier finden sich die Auffälligkeiten in einem anderen Radar, die Bilder deuten diesen Ort an und die Schäden finden sich in diesem Bereich, sonst übrigens nirgendwo Schäden!

Vielleicht kriegen wir es hin noch ein paar Bilder des Tornadoverdachtes zusammenzutragen und mit der Schadensspur zu vergleichen.

LG

Sven

4

Montag, 9. Juli 2012, 18:02

Hallo zusammen,

Ich hänge hier noch mal eine Übersicht mit an, wo man die Position von Augenzeugen und die Zugbahn des möglichen Tornados sehen kann.

http://maps.google.com/maps/ms?ie=UTF&ms…84b8f01fb802b07.


Durch Starkregen oder Hagel verursachte Schäden in den Maisfeldern oder den Bäumen kann man nahezu ausschließen.

Warum?
a.) Hagel durch schlägt die Blätter, man hätte daher Löcher sehen müssen und diese haben wir nicht sehen können. Muss demnach ein Windereignis gewesen sein.
b.) mir selber ist nicht bekannt (werde mich daher noch mal mit unseren örtlichen Bauern in Verbindung setzten) das Starkregen Maispflanzen umlegt.

Ich zeige Euch noch mal folgendes Bild. Wenn Regen für den Bruch verantwortlich währe, müssten dann nicht im ganzen Feld die Pflanzen umlegen? Seht bitte genau hin. Am Rand stehen die Pflanzen ohne Beschädigung


Und in diesem Bild sieht man zwischen den umgelegten Pflanzen auch noch welche die stehengeblieben sind




Wir werden versuchen noch an weitere Daten und Augenzeugen heran zu kommen.Je mehr man weiß um so leichter lässt sich es aufklären

Gruß, Marcus


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5

Dienstag, 10. Juli 2012, 14:49

Hallo zusammen,

aus Zeitgründen nur kurz, aber ich möchte mich doch auch zu diesem Fall äußern:

- Zunächst mal vielen, vielen Dank für die umfangreiche Analyse, die wirklich gelungen ist!

- Es handelt sich definitiv um ein Sturmereignis, Fakt.

- Ich kanns jetzt nicht alles aufzählen, aber es gibt diverse deutliche Indizien ind er Analyse, die auf einen Tornado schließen lassen. Es passt einfach alles zusammen.

Den Fall habe ich als T in die Liste eingetragen.

Grüße, Thomas Sävert
Tornadoliste Deutschland
http://www.tornadoliste.de

6

Freitag, 10. August 2012, 10:46

Hallo!
Durch Zufall bin ich gestern nochmal an tolle Bilder des "Verursachers" dieses Threads gekommen!

lr1-8628 von Marknesium - Album.de





lr1-8637 von Marknesium - Album.de





lr1-8639 von Marknesium - Album.de





lr1-8640 von Marknesium - Album.de



Die Bilder sind in Münchholzhausen, ca 10 Km westlich von Gießen, am 7.7.2012 um 10.39 Uhr gemacht worden. Blickrichtung Ost/Südost.
Danke an D. Groß!

Mark

7

Samstag, 11. August 2012, 13:28

Super Analyse. Mit dem Mais das sehe ich etwas zwiespältig, da ich als "ländlicher Bub" weiß, dass Mais durch seinen Aufbau nicht immer in die Richtung knickt, in die man ihn haben will. Ansonsten ist die Analyse super, alle sichtbaren Indizien wurden gesammelt.

Nur wäre ich hier rein von dem Stück Radarfilm von einer retrograden Einzelzelle statt einer Multi ausgegangen. Andere Meinung?

Gut gemacht :thumbup:
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